Dezember 12, 2008 on 8:18 pm | In #1 Die Straße |

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Irrgerichtet und zielgenau

Gangs in den USA und in Deutschland: Kriminalität als Protest gegen fehlende Aufstiegsperspektiven?

Von Jan Fuhse

Ich lebe an der Grenze zu Spanish Harlem in New York. Die Straßen gelten hier als besonders gefährlich – Straßengangs gehören zum Stadtbild. Ich forsche über sie.

Die ersten Gangs entstanden in den amerikanischen Großstädten der Ostküste und in Chicago im 19. Jahrhundert. Stärker durchorganisierte Gangs gibt es außerdem in Ostasien (yakuzas), vor allem in Japan und auf den Philippinen. Und straßengangähnliche Gruppen existieren auch in einigen lateinamerikanischen Großstädten, in Afrika (Ghana, Südafrika) und in Europa (vorwiegend Nordengland, in den französischen Banlieus, in Russland und Berlin). Allgemein sind Gangs aber bis heute vor allem in den USA zu finden.

Was ist eine Gang?

Eine Gang ist zunächst ein Klein-Kollektiv. Von anderen Kollektiven unterscheidet sie sich dadurch, dass sie als Gruppe kriminell wird. Die kollektive Identität mit ihrer scharfen Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Werte der Mehrheitsgesellschaft werden von Gangs in der Regel abgelehnt, die Gangmitglieder stellen ihnen ein eigenes Wertesystem geprägt von Ehre und Solidarität entgegen. Ein wichtiges Moment für die Stärkung ihres Zusammenhalts ist die Befürwortung von Gewalt und Gewaltausschreitung gegen andere Gruppen – diese Gewalt fordert die Gang sogar von ihren Mitgliedern ein.

Wie viele andere kollektive Gebilde entstehen auch Gangs graduell. Die notwendigen Bedingungen dafür sind: Ein sozialer Brennpunkt in einer Großstadt – sei es ein Slum, ein Ghetto, eine Siedlung des sozialen Wohnungsbau oder einfach ein relativ armer Stadtteil, in dem sich eine ethnische Minderheit konzentriert. In einem solchen sozialen Brennpunkt trifft sich eine Gruppe von Jungen aus der Nachbarschaft regelmäßig auf der Straße – weil die Wohnungen ihrer Familien kaum Platz bieten. Sie orientieren sich an den Gangs ihrer älteren Geschwister oder an den Bildern von Gangs aus den Massenmedien. Die Gruppe sucht sich einen Namen – meist den einer bereits existierenden Gang wie den ‚Crips’ oder den ‚Bloods’ und entsprechende Gang-Symbole wie bestimmte Kleidung oder ein ‚Tag’, das auf Häuserwände gesprüht wird. Die Gruppe beansprucht ein bestimmtes Territorium für sich. Zur Gang wird die Gruppe aber erst in dem Konflikt mit anderen Gangs.

Als Gangmitglieder in New York treten die vorwiegend männlichen jungen Afro-Amerikaner und Hispanics in zwei Formen auf: Entweder im gewaltsamen Konflikt mit anderen Gangs oder bei profitorientierter Kriminalität wie dem Drogenhandel. Wenn auch die meisten Gangs nicht profitorientiert arbeiten, gibt es einige, die vom Drogenhandel, dem Eintreiben von Schutzgeldern oder dem Betreiben von illegalen Spielsalons profitieren.

Die Gang-Explosion

Der amerikanische Soziologe Frederic Thrasher zählte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago 1313 Gangs. Zahlen von außerhalb der Vereinigten Staaten fehlen aber bis heute. Schätzungen aus der Mitte der 90er Jahre kommen in den USA auf über 16.000 Gangs mit etwa 550.000 Mitgliedern und 580.000 begangenen Straftaten. In den 70er Jahren belief sich die Schätzung noch auf 1.730 Gangs mit 55.000 Mitgliedern – das wäre eine Verzehnfachung innerhalb von zwanzig Jahren. Sicherlich haben zu diesem Anstieg der Schätzungen auch eine erhöhte Beachtung von Gang-Kriminalität und veränderte Zurechnungen von Straftaten gesorgt. Allgemein lässt sich bis in die 90er aber recht eindeutig eine Zunahme von Gangs verzeichnen. Interessant ist, dass sich immer mehr weibliche Gangs bilden, und dass die Gangs immer jünger werden. Außerdem scheinen sich verstärkt gemischt-ethnische Gangs zu bilden, die aber immer noch eher die Ausnahme bleiben.

Faszination Rebellentum

Was fasziniert an einer Gang? Außenstehende wie Mitglieder von Gangs beeindruckt das Rebellentum, die Auflehnung gegen die Gesellschaft und die Umkehrung von sozialen Standards. Faszinierend von außen ist zudem, dass Gangmitglieder Tag für Tag Kopf und Kragen für ihre Gang riskieren – obwohl sie auf den ersten Blick keine materiellen Vorteile von der Gewalt haben. Das funktioniert wiederum nur, weil in der Gang eine ganz eigene Kultur herrscht. Es geht um Ehre, es geht darum, für die Gang zu kämpfen, für sie ins Gefängnis zu gehen und sogar für sie zu sterben. Darin ähneln sie ganz unterschiedlichen Phänomenen wie den Terror-Gruppen, Widerstandskämpfern oder auch dem Militär. Das Anziehende für die Mitglieder sind die Zugehörigkeit zu einer ‚starken’ Gruppe, die Gruppenidentität und der Respekt, den man intern und von außen erhält.

Natürlich ist die Straße eine Öffentlichkeit für die Gang. Hier wird gegen andere Gangs gekämpft, hier erlangt man Respekt innerhalb der Community. Direkter Kontakt ist nach wie vor zentral für die Gangs, die Akteure sind nahezu ausschließlich in der direkten Face-to-Face-Interaktion verankert. Hier wird das Wertesystem einer Gang transportiert, hier wird Respekt zugeteilt und hier werden die kriminellen Gang-Aktivitäten vollzogen. Inzwischen dürfte wohl das Mobiltelefon eine wichtige Rolle für die Koordination der Aktivitäten spielen – aber die Gang ‚lebt’ eigentlich in der Interaktion auf der Straße.

Wie alle informellen Gruppen sind auch Gangs einer hohen Fluktuation ausgesetzt. Sie konkurrieren mit sozialen Kontexten wie der Familie, der Schule oder anderen Freundesgruppen (zum Beispiel an einem Arbeitsplatz). Zur Fluktuation kommt es aber nicht nur, weil Gangmitglieder sich anders orientieren. Sie können auch zu viel Commitment zeigen und durch Tod oder Gefängnisaufenthalt aus der Gang ausscheiden.

Gangs, HipHop und die Sehnsucht nach dem Authentischen

HipHop und Gangs sind eng miteinander verbunden. Gerade im amerikanischen HipHop ist die Gang-Mitgliedschaft, ein Gefängnisaufenthalt oder eine schwere Verletzung ein Ausweis für Authentizität. Es ist also wichtig, dass man „von der Straße kommt“. Marcus Staiger beschreibt in dieser Ausgabe die Sehnsucht nach dem Authentischen. Allerdings zeigt gerade die afro-amerikanische HipHop-Kultur eine Betonung von Reichtum gemessen an großen Schlitten und Goldklunkern (bis hin zu Goldzähnen). Authentizität wird also nicht mit Armut gleichgesetzt, sondern damit, dass man aus armen Verhältnissen kommt. Der Reichtum fasziniert hingegen – allerdings muss er nicht mit harter Arbeit, sondern etwa durch Drogenhandel oder durch die Vermarktung von HipHop erlangt werden.

Gangs werden teilweise auch durch Filme inspiriert werden, die eigentlich eher abschreckende Wirkung haben sollten. Das zeigt, dass Geschichten aus den Massenmedien in unterschiedlichen Milieus ganz anders aufgenommen werden. Ich gehe davon aus, dass die momentan stärkere Aufmerksamkeit für aggressiven HipHop – die mediale Inszenierung und Berichterstattung über deutsche Ghetto-Romantik – Auswirkungen auf Gangbildung im Kleinen hat.  HipHopper waren in den deutschen Medien lange Zeit die netten Jungs von nebenan. Die Stuttgarter Fantastischen Vier oder die Hamburger Fünf Sterne Deluxe sind hierfür gute Beispiele. Das hat sich geändert: Musik-Videos und HipHop-Texte zeichnen heute ein recht eindeutiges und anderes Bild. Insbesondere der afro-amerikanische Rap ist durch ein extrem chauvinistisches Frauenbild und durch starke Gewaltverherrlichung geprägt. Natürlich ignoriert man in Deutschland oft englischsprachige Texte. Ich denke, dass insbesondere die Massenmedien wie MTV und Viva eine gewisse Verantwortung im Umgang mit solchen Inhalten zeigen müssten.

Parallelen zur Protestbewegung?

Dieter Rucht spricht in dieser Ausgabe den weiteren gesellschaftlichen Kontext an, in den politische Protestbewegungen einzuordnen sind. Der spielt für Gangs praktisch keine Rolle. Das ist auch ihr großes „Manko“. Ihr Unterschichtenprotest ist ein Kampf um lokale Anerkennung und verhallt in der weiteren Gesellschaft weitgehend ungehört. Kurzum: Es geht eigentlich nicht um Protest, Gangs wollen lediglich Aufmerksamkeit erlangen und haben ihre Peiniger gar nicht im Blick.

Man braucht keine biografischen Analysen, um festzustellen, dass die Gangmitglieder zu den „am stärksten Entrechteten und Geknechteten“ (Dieter Rucht in dieser Ausgabe) zählen: Gangs entwickeln sich in den am drastischsten benachteiligten Gruppen der Gesellschaft. Die männlichen Jugendlichen dort haben keine Aufstiegsperspektive. Sie sehen sich zum Dasein am Rande der Gesellschaft verdammt – einer Gesellschaft, mit der sie sich nicht identifizieren können, weil sie ihnen kaum eine Chance einräumt. In diesem Punkt sind wiederum Parallelen zu Protestbewegungen zu erkennen. In gewisser Weise ist die Gang-Kriminalität ein Protest gegen die fehlende Aufstiegsperspektive. Das Traurige für den Außenstehenden aber ist die Irrgerichtetheit dieses Protests: Der Kampf geht gegen andere Gangs, nicht gegen die Gesellschaft und Politik.

Für den Protest gegen die extrem ungleiche Sozialstruktur der USA bräuchte es im Grunde ganz andere Mittel. Zum Beispiel können Gangmitglieder oder andere Kriminelle, die eine Zeit im Gefängnis verbracht haben (und meist afro-amerikanisch sind), in den meisten US-Staaten nicht einmal wählen. Man weiß, dass dies 1999 in Florida auch zum berüchtigten Sieg von George W. Bush gegen Al Gore beigetragen hat. Und zwar mehr als irgendwelche defekten Zählmaschinen.

Gangs: Starke regionale Unterschiede

Sind Gangs transnational einheitliche Gebilde? Es existieren starke Unterschiede zwischen dem Profil US-amerikanischer und deutscher Gangs. Die Bedingungen für die Bildung von Gangs in Deutschland sind ganz andere: weniger soziale Ungleichheit, weniger Ghettobildung von Minderheiten, Waffenbesitz und -gebrauch werden stärker abgelehnt und kontrolliert. Außerdem sind Gangs in Deutschland häufig multi-ethnisch, da sozial benachteiligte Stadtteile meist stark gemischt sind. Übrigens bietet auch eine Stadt mit hohem Migrantenanteil und großen sozialen Problemen wie Berlin immer noch einen deutlich schlechteren Nährboden für Gangbildungen als die nord-amerikanischen Stadt-Moloche New York, Chicago oder Los Angeles.

Politischer Handlungsbedarf besteht auf alle Fälle: Das Wichtigste ist, die Bedingungen für die Entstehung von Gangs zu bekämpfen. Also: Kinder aus Migrantenfamilien und aus bildungsfernen Schichten müssen bessere Chancen im Bildungssystem erhalten, vor allem durch ausgedehnte und bessere Betreuung und durch weniger und spätere Selektivität im Bildungssystem. In der Stadtplanung muss man dann darauf achten, zu viel Konzentration einer Minderheit in einem benachteiligten Stadtteil zu vermeiden. Auch Straßensozialarbeit ist wichtig – insbesondere, um den Kindern aus benachteiligten Milieus andere Betätigungsfelder zu geben. Erst das stärkt das Gefühl, dass die eigenen Belange in unserer Gesellschaft ernst genommen werden.

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